Donnerstag, Oktober 15, 2015

Schein und Sein im Weltbild des Europäers

(eine gelahrte Abhandlung)

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Autor:
Raymond Zoller

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Gott schuf den Menschen, und der Mensch schuf, kaum daß er sich auf Erden eingelebt, den Schein.

Und der deutsche Sprachgeist, in seiner unbekümmerten Offenheit, war so nett, eben das Wort ‚Schein‘ zu schaffen: als Zusammenfassung zweier auf dem ersten Blick unterschiedlicher, für den europäischen Geist aber untrennbar zusammengehöriger Begrifflichkeiten; und zwarnämlich zum einen ein amtlich beglaubigtes Dokument, und zum andern halluzinativer Seinsersatz.

Für den in den europäischen Geist eingetauchten Europäer ist nicht das Sein das Primäre, sondern der Schein, und der einzelne Mensch gilt nur insofern als seiend vorhanden, als eine amtlich beglaubigte Urkunde existiert, welche sein seiendes Vorhandensein bestätigt; und, falls vorhanden, ist er genau so und hat genau so zu sein, wie in der Urkunde, das heißt im Scheine, beschrieben.

Wir haben hier das sogenannte Europäer-Syndrom. Wobei die Scheingläubigkeit des Europäers sich keineswegs auf die amtlich beglaubigten Urkunden beschränkt: Die ganze Welt, das ganze Weltgeschehen ist für ihn, den echten Europäer, genau so und hat genau so zu sein, wie in den offiziell anerkannten Zeitungen und Zeitschriften beschrieben.

Aus welchem Grunde der echte Europäer auch so leicht an der Nase herumzuführen ist.

Wer aber, dem europäischen Halluzinieren sich entwindend, zu sehr in die Realität abschweift, der macht sich verdächtig; wird für seine scheingläubigen Miteuropäer zum Verschwörungstheoretiker, Putinversteher, Homophoben oder zu sonst welcher zwielichtigen Gestalt.

Europa den Halluzinierenden!

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So isses

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Mittwoch, September 23, 2015

Vom Wandern und vom Zuhausebleiben

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Aus der amerikanischen Pionierzeit

freiwillig

Motto einer Facebook-Gruppe mit dem Titel
”Aufstand der Menschlichkeit”

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Raymond

Autor:
Raymond Zoller

Doppelnas

Es geht da um das in Europa gefährliche Ausmaße annehmende Flüchtlingsproblem.

Dieses Problem ist so komplex und so vielschichtig, daß zur Vereinfachung neigende brave Bürgersleut‘, die entweder, von Mitleid besessen oder sich einfach bloß in der Pose des barmherzigen Samariters gefallend, restlos alle Flüchtlinge aufnehmen wollen; oder aber in grimmem ‚National’bewusstsein restlos alle zum Teufel schicken wollen – ja nu, daß diese braven Bürgersleut‘ der Sache halt nicht gerecht werden können.

Denn das sind nu mal sehr viele Leute, mit sehr vielen unterschiedlichen Schicksalen, Hintergründen, Motiven; und selbst wenn manche in „Gruppenschicksalen“ zusammengefaßt sind, so isses immer noch extrem bunt und vielgestaltig.

„Wer mit den Flüchtlingen kein Mitleid hat, der hat kein Herz; wer beim Mitleid stehenbleibt – keinen Verstand“ – so oder so ähnlich hat Putin sich vor kurzem, scheint‘s, zur Flüchtlingsproblematik geäußert. Wann und wo er es gesagt hat, weiß ich nicht; aber es wäre ihm zuzutrauen, und ich sehe det auch so.

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Irgendein Grund, warum man sich, weitausgreifend oder einfach so, fortbewegt, besteht eigentlich immer. Den einen „treibt die Gärung in die Ferne“, einem andern ist die nominelle Heimat unerträgliche Fremde; wieder andere suchen das Abenteuer oder ein besseres Leben; und ist die Gärung, die innere Not, die äußere Not, die Abenteuerlust oder was auch immer stärker als die zu erwartenden Hindernisse – so wandert man halt.

Die Leute, die diesen Unsinn schrieben, meinen, dem Kontext nach zu urteilen, äußerliche Brachialgewalt. Für Menschen die, zum Beispiel, nie den Kopf über ihr vertrautes anerzogenes Schlammloch hinausheben konnten, höchstens ab und zu irgendwohin in Urlaub oder auf Dienstreise fahren und alles nach ihrem behaglichen Schlammloch beurteilen – ist es völlig normal, daß die verschiedenen Triebfedern und Motive des Sichfortbewegens für sie ein Buch sind mit sieben Siegeln. Für jemanden, der die Welt und den Menschen nicht kennt und sein ganzes Wissen den Massenmedien oder dem Parteiprogramm entnimmt – für den ist natürlich alles ganz einfach,

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Angemerkt sei aber noch, daß damit nix gegen die notorisch Seßhaften gesagt ist. Genau wie bei den Migranten gibt es hier die verschiedenartigsten Schicksale; und um den Kopf über sein anerzogenes Schlammloch hinausheben zu können, muß man nicht unbedingt physisch die weite Welt durchstreifen. Ich kenn genügend Leute, die, ohne sich je übermäßig fortbewegt zu haben, über einen weiten Horizont verfügen, unterscheiden können zwischen dem, was sie verstehen und nicht verstehen, und einen Blick haben für vertrauenswürdige Informationsquellen.

Die Menschen, die seßhaften wie die nichtseßhaften, sind nun mal verschieden.

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So isses

Doppelnas

Montag, September 14, 2015

Von einer Petition, die ich nicht unterschreiben kann

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Doppelnas

Raymond

Raymond Zoller

Es geht um eine an irgendwelche Politiker gerichtete Petition „Aus Sorge um Europa – Was ist zu tun?“, mit der man einen Beitrag leisten will zur Verhinderung eines europäischen Krieges.

Den vollständigen Text der Petition mitsamt der Möglichkeit, sie bei Bedarf zu unterzeichnen, findet man unter https://weact.campact.de/petitions/aus-sorge-um-europa-was-ist-zu-tun

Zweimal wurde ich direkt angeschrieben mit der Bitte, besagte Petition zu unterzeichnen. Bloß bereitete deren Text mir ernsthafte Probleme; und obwohl ein solcher Krieg, wie überhaupt jeglicher Krieg, mir unbedingt verhinderungswürdig scheint, könnte ich das so nicht unterschreiben

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Der bewaffnete Konflikt in der Ukraine schwelt weiter. Die Gefahr eines Krieges in Europa ist nicht gebannt. Eine Eskalation der Kriegshandlungen in der Ukraine – aus welchen Gründen und von welcher Seite auch immer – kann von heute auf morgen erneut stattfinden…“ – […] – „Wir halten den Krieg als Lösung von Konflikten jedweder Art in Europa für ungeeignet, antiquiert und nicht zielführend. Wir kennen heute als Menschheit Mittel und Wege wie Konfliktschlichtungen, zwischenstaatliche und interkulturelle Mediationen, die besser und mit wesentlich höherer Wahrscheinlichkeit auf Erfolg dazu geeignet sind, eskalierende Auseinandersetzungen zwischen Menschen, Volksgruppen und Völkern zu bewältigen… […]“

Und so weiter.

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Kling alles sehr vernünftig und ist sicher gut gemeint. Aber trotzdem…

Vor kurzem entdeckte ich den Aufruf zum Unterzeichnen ebendieser Petition auch auf Facebook. Diesmal faßte ich in einem Kommentar meine Bedenken knapp zusammen:

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Mit dem Text dieser Petition hab ich etwas Probleme.

Nämlich geht es in diesem Fall de facto gar nicht um „Krieg als Lösung von Konflikten“. Die Konflikte wurden künstlich eben von der Seite aus entfacht, die nun Krieg gegen Rußland führen möchte, werden von ebendieser Seite aus künstlich am Brodeln gehalten und zum Eskalieren gebracht.

Wenn es darum ginge, Konflikte zu lösen, würde es reichen, die westlichen Marionetten aus den Krisengebieten herauszuziehen und sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern.

Ziel der Kriegstreiberei kann alles Mögliche sein; ganz sicher aber nicht die Lösung von Konflikten.

Obwohl Bürger eines EU-Staates (für welchselbige Staatsbürgerschaft ich mich fast schon schäme) würde ich aufgrund dieser unstimmigen Formulierungen die Sache nicht unterzeichnen

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Hierauf gab es eine Antwort von

Reto Andrea

Reto Andrea Savoldelli:

Genau damit hatte ich auch meine Probleme. Aber Rohlfs ist nun mal Konfliktmanager. Die Petition ist an drei deutsche Politiker gerichtet. Sie huldigen gewiss dem Weltbild, wonach es der Forderung des Tages entspricht, Konflikte human zu lösen. Diese Verbalie sind sie ihren Wählern schuldig. Man vermutet, dass diejenigen, welche Kriege in den letzten Jahren schon nicht haben verhindern, sie vielleicht beenden können. Eine zwar vage Hoffnung, die sich durch eine grosse Anzahl von Unterzeichnern erfüllen soll. Diejenigen, die erkennen, daß in der Nacht agiert wird, Konflikte unter Menschen zu schüren, die zu dumm sind, den äußeren Frieden als Voraussetzung zur Herstellung des inneren zu erhalten, stellen noch andere Forderungen. Da hast Du völlig recht!

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Was den Anlaß gab, meine Sichtweise weiter zu präzisieren:

Raymond

Raymond Zoller

Welches Weltbild die einzelnen Politiker real haben, weiß ich nicht; vielleicht tun sie nur so, als seien sie an Konfliktlösungen interessiert. Vielleicht sind manche unter ihnen tatsächlich dumm genug, um nicht zu merken, was gespielt wird; kann sein, ist möglich; doch das sind dann reine Strohpuppen, die sowieso nix ausrichten könnten und nur der Staffage dienen.

Ich zieh es vor, das Kind beim Namen zu nennen. Wenn ich durch Unterzeichnen der Petition das Konfliktlösungs-Argument unterstützen würde, müßte ich mich als Lügner empfinden. Bin da etwas überempfindlich.

Und sowieso bin ich der Ansicht, daß man beim Bemühen um Problemlösung als allererstes bemüht sein muß, die Problemlage so klar als möglich ins Auge zu fassen und daß jede noch so gutgemeinte demagogische Verzerrung die Sache nur noch weiter verkompliziert.

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Reto Andrea Savoldelli antwortete:

Reto Andrea

Reto Andrea Savoldelli:

Dass die Petition eine gutgemeinte demagogische Verzerrung sei, ist nun doch arg dick aufgetragen. Ist sie nicht viel mehr Ausdruck der allgemein um sich greifenden Hilfosigkeit? Also setze ich weiterhin auf das „Gutgemeinte“. Die Petition wird einige Versammlungen und Kongresse beleben und damit beitragen, das Gutgemeinte zu präzisieren oder zu korrigieren. Ich habe die Petition unterzeichnet und will meine Unterschrift jetzt nicht streichen lassen. Ohnehin ist sie als von einem in Frankreich lebenden Italo-Schweizer stammend weitgehend bedeutungslos. - Es gibt ja nicht nur Cantorsche Unendlichkeitsstufen, sondern auch Abstufungen des Gutgemeinten bis hinauf zum wirklich Guten, je nachdem, welche Intuitionen ihm zugrunde liegen oder fehlen.

PS: Als ich vom „Agieren in der Nacht“ sprach, musste ich an Kennedys berühmte Rede denken, die eine Widerstandserklärung gegenüber seinen Mördern enthielt. In ihr warnte er vor einer einflussreichen, global agierenden Gruppe, welche ihren „Einfluss durch Umsturz und nicht durch Wahlen erweitern, die anstelle der Armeen bei Tage die Guerillas bei Nacht einsetzen.“ - Auf solche Menschen wie etwa Patricia Nuland, wenn man sie denn so nennen will, die den Krieg in der Ukraine vorsätzlich herbeigeführt haben, haben die Herren Steinmeier, Erler und Gysi (an sie ist die Petition gerichtet) keinen Einfluss. Die werden ihr „Fuck the EU“ kaum revidieren. Je länger ich darüber nachdenke, je mehr mache auch ich mir Sorge um Europa, weil ich ein Europa, das in Gefahr stehen würde, gar nicht sehe. Um welches Europa ist die Petition denn in Sorge? Das Brüsseler Europa? Das EZB-Schäuble-Europa? Das US- Kriegsadjutant-Europa? Oder das Europa deutscher Idealisten?

Doppelnas

Montag, September 07, 2015

Zum Fall Ralph Boes

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Raymond

Autor:
Raymond Zoller

Doppelnas

Auf Facebook äußerte ich mich in einem Statusbeitrag von Ralph Boes zu seinem freiwillig-unfreiwilligen Hungerstreik bzw. seinem „Sanktionshungern“:

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Bereits mehrere Beiträge habe ich gesehen, wo man dich zum Essen einlädt. Würde ich annehmen. Besser untereinander normale menschliche Zusammenhänge schaffen, als im Kampf gegen ein widermenschliches System, das möglicherweise eh bald zusammenkracht, den Hungertod sterben.

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Jemand meint, daß das nicht der Sinn der Sache ist; daß andere in ähnlicher Situation auch keine Einladung zum Essen bekommt und daß vielen der Mut oder die Kraft fehlt, überhaupt an die Öffentlichkeit zu gehen.

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Meine Antwort:

Ist mir bekannt. Aber ich glaube nicht, daß er dem System beikommen kann; auch nicht mit Märtyrertod. Und das System wurde eben aus dem Grunde so stark und so widermenschlich, weil man immer alles auf "den Staat" abschiebt, statt untereinander für normale soziale Verhältnisse zu sorgen und sich real – ich meine real und nicht abstrakt theoretisierend – sich die Rolle des Staatsapparates in ihrer Wechselwirkung mit anderen Epizentren des sozialen Geschehens zu vergegenwärtigen (nicht bloß schöngeistig gemeinte Anregungen hierzu gibt es in der europäischen Geistesgeschichte mehr als genug).

Mit seinem freiwillig-unfreiwilligen Hungerstreik hat er genügend Aufsehen hervorgerufen; nun gilt es, bevor er sinnlos seine Gesundheit ruiniert, einen sinnvollen Schlenker zu machen und durch Annahme jener Einladungen den versäumten Weg der Entwicklung realer sozialer Fähigkeiten anzudeuten.

(ist kein Witz; ich mein das wirklich so; müßte es bloß ausführlicher darlegen, als das in einem Facebook-Beitrag möglich ist)

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Hierzu folgende Entgegnung:

wieso geben Menschen immer wieder solche Ratschläge, ich kapier es nicht, sind es die eigenen Ängste oder die eigene Bequemlichkeit? Es sind ja alle betroffen, auch das System Arbeit funktioniert fast nur auf Angst

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Meine Antwort:

Bin ich gemeint als einer der "Menschen, die immer solche Ratschläge geben?" Selbst bin ich nicht direkt betroffen; ich leb in Montenegro, bin kein Deutscher, hab keine Angst. Ich seh nur, wie jemand sich – meiner Ansicht nach – unsinnig opfert. Ich bin in Europa geboren und aufgewachsen, hab lange dort gelebt, und die Tendenz, alles auf "Vater Staat" abzuschieben, konnte ich zur Genüge studieren. Und bekam auch mit, wie man – trotz gelegentlicher anderslautender Lippenbekenntnisse – in großem Stil es versäumte, sich um das Entwickeln realer sozialer Fähigkeiten zu kümmern sowie darauf basierender lebensfähiger sozialer Zusammenhänge.

Und außerdem bin ich wirklich der Ansicht, daß Europa, und vor allem Deutschland, am Zusammenkrachen ist; das ist nicht mehr lebensfähig. Vor dem großen Krach im Kampf gegen ein zusammenbrechendes System schnell noch mal den Hungertod sterben betrachte ich, wenn es gestattet ist, det so zu sagen, als Unsinn.

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Hierzu gab es folgende Entgegnung, die ich, mit Auslassungen, in natura wiedergebe:

ich meine die vielen Leute, die immer wieder die gleichen Ratschläge geben, aber warum erklären sie das nicht allen 7000 Betroffenen oder denen, die die Entscheidung getroffen haben? [..] Auch Politiker sind sterblich und stehen jeden Morgen vor dem Spiegel, sie verdrängen täglich, was sie meinen nicht ändern zu können - weil man ja alleine nichts bewegen kann ... aber eine einzige Mücke kann ihnen den Schlaf nehmen, machen sie bitte Ralph Boes nicht zu weniger - abwarten bis sich Strukturen ändern bringt auf jeden Fall weniger - schon wenn wir aufstehen ändert sich unser Horizont

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Meine Antwort:

Daß die derzeitig machthabenden Politiker sich schnell mal ändern könnten – glaub ich nicht; Persönlichkeiten, die aus behäbigem Sichtragenlassen plötzlich aufmerken und sich gegen den sie tragenden Strom wenden könnten – seh ich da keine (Wunder kann es natürlich immer mal geben). Und selbst wenn das Unwahrscheinliche mal eintreten sollte, würden die Puppenspieler die ungehorsame Puppe umgehend durch eine fügsamere ersetzen.

Daß die Strukturen sich ändern werden scheint mir hingegen höchst wahrscheinlich; aber eben in dem Sinne, daß alles zusammenkracht. Kann mich irren; aber fürchte, daß nicht.

Da die Situation immer bedrohlicher wird; so bedrohlich, daß auch manche von den in wohligem Tiefschlaf herumschlafwandelnden noch wohlversorgten Zeitgenossen beginnen, aufzumerken – lassen sich vielleicht, bevor alles drunter und drüber geht, noch Anfänge echten sozialen Zusammenhalts und gegenseitiger Hilfe veranlagen.

Würde Ralph Boes die Einladungen zum Essen annehmen, so könnte das ein einsetzender Schlenker seiner Aktivitäten in ebensolche Richtung sein.

Man vergißt nun mal leicht, daß es außer Politikern auch noch andere Leute gibt

Doppelnas

Nachbemerkung:

Wie oben angedeutet, gibt es in der europäischen Geistesgeschichte genügend nicht bloß schöngeistig gemeinte Anregungen, den Staat seines väterlichen Nimbus zu berauben und die Funktion des Staatsapparats neu zu bedenken. Dies wurde ja auch von manchen ehrlich aufgegriffen; aber es konnte sich gegen die von Vaterkomplexlern getragene immer allmächtiger werdende alles verschlingende Staatsmaschinerie nicht durchsetzen.

Der Grund für diese Ohnmacht lag unter anderem darin, daß solche Bestrebungen meist von tonangebenden Kreisen überschattet waren, in denen ein mit fortschrittlichen Farben übermaltes vaterkomplexiges braves Bürgertum das Sagen hatte. Das mußte schief gehen.

Wie wenig Chancen bestanden und wie sehr das schief gehen mußte wurde mir mit ganzer Brutalität erst vor kurzem bewußt; was seinen Niederschlag fand in dem Blogeintrag „Übergeistelte Gutbürgerlichkeit

Nee; das mußte schiefgehen.

So isses

Doppelnas

Dienstag, August 04, 2015

Wo findet freies Geisteslebens statt?

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Reto Andrea
Autor:
Reto Andrea Savoldelli

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(Als Fortsetzung des vorangehenden Beitrags
Freiheitsphilosophie in der Waldorfschule
und gleichzeitig Antwort auf den Kommentar von Herrn Kullak)

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In meinem letzten Klamurke-Blogbeitrag konnte man lesen, daß die Waldorfbewegung ihrem ursprünglichen Auftrag nicht nachkomme. Vorstandsmitglied im Bund der deutschen Waldorfschulen Henning Kullak fordert in seinem Leserbrief, daß an Waldorfschulen

endlich ein vernünftiger Gesellschafts- und Wirtschaftskundeunterricht stattfinden sollte.

Somit sagt er an einem Beispiel erläutert dasselbe. Nur, daß seine Forderung bislang nicht erfüllt wurde, geht kurioserweise zu Lasten von Ken Jebsen, den man nicht an Stelle einer solchen bedauerlicherweise inexistenten Aufklärung „Aufklärung“ betreiben lassen dürfe.

Darüber hinaus habe ich darauf hingewiesen, daß ein Funktionär immer in Gefahr ist, die Einrichtung, die ihm in liebgewordenen Formen das Funktionieren erlaubt, gegen Einflüsse abzuschirmen, die sie geistig in Bewegung halten. Der Hinweis auf dieses, jedem bekannten seelischen Trägheitsgesetzes war dann auch schon alles. Rudolf Steiner hat dasselbe einmal viel besser zum Ausdruck gebracht:

„…Lassen Sie einmal eine Generation ihr Geistesleben freier entfalten und dann dieses Geistesleben organisieren, wie sie es will; es ist die reinste Sklaverei für die nächstfolgende Generation. Das Geistesleben muß wirklich, nicht bloß der Theorie nach, sondern dem Leben nach frei sein. Die Menschen, die darin stehen, müssen die Freiheit erleben. Das Geistesleben wird zur großen Tyrannei, wenn es überhaupt auf der Erde sich ausbreitet, denn ohne daß eine Organisation eintritt, kann es sich nicht ausbreiten, und wenn eine Organisation eintritt, wird sogleich die Organisation zur Tyrannin. Daher muß fortwährend in Freiheit, in lebendiger Freiheit gekämpft werden gegen die Tyrannis, zu der das Geistesleben selber neigt. (Vortrag vom 14.Oktober 1921).

Das weist auf die in „Das Seminar“, Basel untersuchte sozialästhetische Grundaufgabe hin, in jeder Situation die Organisation von dem Geistesleben unterscheiden zu lernen. Dazu sind insbesondere für Funktionäre, d.h. für vorwiegend in der Organisation Tätige flüssige Aufgabenstellungen zweckdienlich, die es ihnen erleichtern, sich im Dienst des freien Geisteslebens zu bewähren (wozu selbstverständlich auch ihr eigenes, individuelles Geistesleben gehört). Eine solche lag nun mit der an Ken Jebsen ergangene Einladung der SMV (Schülermitverwaltung) der Göppinger Waldorfschule vor. Zunächst ist diese am Funktionär Axel Dittus, dem Geschäftsführer der Schule, abgeblitzt. Bereits im Vorfeld haben die Göppinger Kreisnachrichten am 8. Juli 2015 im Leitartikel Waldorfschule in Erklärungsnot Dampf abgelassen (wie sich Henning Kullak ausdrücken würde):

Man hat Jebsen antisemitische Äußerungen vorgeworfen,

war da zu lesen. Jebsen würde behaupten, so konnte es der Göppinger Kreisnachrichten-Leser lesen, daß der

Anschlag auf das World-Trade-Center von der amerikanischen Regierung inszeniert worden sei.

- So was hat man im Ländle wirklich noch nie gehört. Der Kerl muß Internetzugang besitzen. Am 24. Juli 2015 meldete dieselbe Zeitschrift:

Das große Interesse und der Zuspruch für Jebsen haben ein tiefer liegendes Problem aufgezeigt: Es gibt im Umfeld der anthroposophischen Schule offenbar gut vernetzte Kreise (sag ich doch, die Kreise nutzen Internet, Anm.), die anfällig dafür sind, die vielzitierte Erziehung zur Freiheit zu nutzen, um mit pseudo-wissenschaftlichem Anstrich kruden Theorien den Weg zu bereiten.

So gab Dittus via Kreisnachrichten als Verwalter des zuständigen Geisteslebens bekannt:

Ich distanziere mich als Geschäftsführer von Ken Jebsens Gedankengut. Das paßt nicht zum Geist unserer Schule.

- Wenn er sich zuvor kundig gemacht hätte, würde er wissen, daß für Jebsen das Gedankengut nicht so wichtig ist wie für ihn selbst. Er ist nur ein Journalist mit einem außergewöhnlichen Berufsethos, der vorwiegend undemokratische Machtstrukturen untersucht, das heißt über Tatsachen und Vorfälle berichtet, die in der Qualitätspresse untergehen. (Wie übrigens auch Daniele Ganser, vor dem die Zeitschrift im selben Atemzug als vor einem weiteren, an Waldorfschulen eingeladenen „Verschwörungstheoretiker“ warnt. Ganser ist ebenso 12-jähriger Ex-Waldorfschüler wie Ken Jebsen und weltweit bekannter Historiker und Leiter des schweizerischen Instituts SIPER und hat als einziger Universitätsprofessor Aufbau und Tätigkeit der NATO-Geheimarmeen untersucht, wovon die Kreisnachrichten jedoch auch nichts wissen will.)

Alle diese beunruhigenden Tatsachen sind zugegebenermaßen schwer zu verdauen. Für Dittus und seine Kollegen im Bund der Waldorfschulen ein Ding der Unmöglichkeit, bevor nicht

endlich ein vernünftiger Gesellschafts- und Wirtschaftskundeunterricht (Kullak)

an Waldorfschulen eingerichtet wurde. Laut den Göppinger Kreisnachrichten räumte Dittus auch Fehler ein:

"Da ist etwas an uns vorbei gegangen. Wir sind erst am Wochenende wach geworden. - Im übrigen versicherte der Geschäftsführer, daß für den geplanten Auftritt Jebsens in Uhingen auf keinen Fall Finanzmittel der Schule geflossen wären. Eltern müssen an der anthroposophischen Bildungseinrichtung Schulgeld zahlen.

- Das mußte klar kommuniziert werden, damit nicht wegen einem falschen Geistesleben ein anderer Kreisnachrichtenleser etwa sein Kind von der Schule nimmt.

Der Zusammenhang zwischen der

Schlaflosigkeit der Herrschenden und die Wachsamkeit der Protestierenden

(Thema der diesjährigen Biennale in Venedig) ist ein wichtiges Forschungsgebiet der Sozialästhetik. Dittus, der spät wach wurde, gehört nicht zu den Herrschenden. Die Zeitschrift hat ihn aufgeweckt. Und jetzt liest man dort:

Nach Dittus' Angaben wurde die Organisation der Projekttage, zu denen auch eine Podiumsdiskussion zum Thema TTIP gehört, von einem Lehrer begleitet. Dessen Rolle soll nun hinterfragt werden.

- Offensichtlich ist das freie Geistesleben großflächig aufgewacht.

Jebsen wurde im Hasenhaus, dem Vereinslokal der Kleintierzüchter, wohin sich der Vortragende verziehen mußte, von Gisela Grauberger, einer ehemaligen Mathematiklehrerin der Waldorfschule begrüßt. Die investigative Redaktion sichtete auch einen Pfarrer der Christengemeinschaft im Ruhestand. Und einen 85-jährigen Pionier der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Und erschreckend viele Jugendliche. Hingegen haben sich die im Sold stehenden Waldorflehrer nicht hingewagt. Dafür hob die Lehrerein für Mathematik - ein für krude Theorien besonders gefährdeter Berufszweig - den Mut von Ken Jebsen hervor.

Henning Kullak hat Verständnis für die Schüler (die sind halt in dem Alter so).

Wenn ich Schüler wäre und plötzlich würden lauter Erwachsene kommen und so einen Zirkus veranstalten, dann würde ich es auch erst recht machen.

- Ein Jugendversteher, wie er im Buche steht. Auch ich war in jenem Alter so doof. Doch macht er dennoch darauf aufmerksam, daß Jebsen

junge Leute möglicherweise in die Händen von irgendwelchen Bauernfängern treibe, die einfache Lösungen anbieten.

- Möglicherweise ist vieles, möglicherweise wollten die jungen Leute von Jebsen auch nur Dinge hören, die sie wissen möchten. Aber die Dinge (ihr wißt schon, Amerika als Aggressor und solchen Blödsinn) dürfen sie nicht von einem Demagogen hören. Und so wiederholt Kullak in den Göppinger Kreisnachrichten sein Ceterum Censeo:

Ich bin mit meinen Vorstandskollegen einig, daß wir den Vorfall zum Anlaß nehmen, künftig verstärkt Wirtschafts- und Gesellschaftskunde zu unterrichten.

Die Göppinger Waldorfschule ist nicht die erste, welche eine an den ehemaligen Waldorfschüler Jebsen ergangene Einladung ihrer Schüler streicht. Dafür reichte in seiner eigenen Waldorfschule Überlingen eine einzige in Kolumbien geschriebene Mail, die er in seinem hervorragenden Vortrag, den er daraufhin gehalten hat, vorgelesen und kommentiert hat. (Kann man wie alles googeln) - Auch der bösartige Vorwurf des Antisemiten, den er im Fall von Jutta Dittfurth gerichtlich ausräumen ließ (Dittfurth mußte für ihre im Fernsehen erhobene Beschimpfung Busse zahlen und bat daraufhin auf ihrer Webpage um finanzielle Unterstützung), weshalb moralisch Minderbemittelte danach die unanfechtbare Wendung nutzen, daß Jebsen

Antisemitismus vorgeworfen worden sei.

So auch in den Göppinger Kreisnachrichten. Sie fürchten sonst, Jebsen per Gerichtsbeschluß finanziell zwangsunterstützen zu müssen. Soviel zu ihrem Bekenntnis zum Rechtsstaat.

Auch den Vorwurf des „Anti-Demokraten“, die das Göppinger Qualitätsblatt erhebt, könnte, wenn es mit normalen Dingen zugehen würde, nur von jemandem stammen, der nichts von Jebsen gehört oder gesehen hat. Doch liegt leider nicht mal dieser Fall vor. In meinen Augen legt Jebsen der Demokratie eher eine zu große Bedeutung bei (was ein anderes Thema wäre). Das letzte Interview, das er ins Netz gestellt hat, fand mit Hermann Poppla zu dessen Buch „Hinter den Kulissen“ mit dem Thema der heimlichen Unterwanderung der Demokratie statt.

Kommen wir noch auf den Verschwörungstheoretiker Jebsen. Zunächst mal allgemein: derjenige, der irgendetwas über Weltpolitik verstehen oder gar lehren will, und die historisch in jedem Zeitalter eingegangenen Verschwörungen außen vor lassen würde, bräuchte seine Erkenntnisliebe gar nicht erst zu bemühen. Das sagt ein Schweizer im Hinblick auf die Begründung der Eidgenossenschaft. Die Eide wurden nämlich auf der Rütliwiese bei Nacht und Nebel geschworen. Anyway, der bedeutendste Verschwörungsforscher - damit meine ich nicht bloß den Verschwörungstheoretiker, sondern den Entdecker von Verschwörungen - ist zweifellos Rudolf Steiner. Vieles, von dem, was den Abscheu der Redaktoren der Göppinger Kreisnachrichten mitsamt ihren Kollegen in der Organisation der Waldorfschule erregt hat, hat Steiner bereits vor hundert Jahren formuliert. Nur drastischer. Wenn Menschen nicht rückwirkend lernen könnten - wovon ich nicht überzeugt bin - dürfte man Steiner nicht einmal im Kleintierzüchtervereinshaus sprechen lassen. Beispiel gefällig?

«Tonangebend ist eine Gruppe von Menschen, welche die Erde beherrschen wollen mit dem Mittel der beweglichen kapitalistischen Wirtschaftsimpulse. Zu ihnen gehören alle diejenigen Menschenkreise, welche diese Gruppe imstande ist, durch Wirtschaftsmittel zu binden und zu organisieren. Das Wesentliche ist, daß diese Gruppe weiß, in dem Bereich des russischen Territoriums liegt eine im Sinne der Zukunft unorganisierte Menschenansammlung, die den Keim einer sozialistischen Organisation in sich trägt. Diesen sozialistischen Keim-Impuls unter den Machtbereich der antisozialen Gruppe zu bringen, ist das wohlbezeichnete Ziel. Dieses Ziel kann nicht erreicht werden, wenn von Mitteleuropa mit Verständnis eine Vereinigung gesucht wird mit dem östlichen Keim-Impuls. Nur weil jene Gruppe innerhalb der anglo-amerikanischen Welt zu finden ist, ist als untergeordnetes Moment die jetzige Mächte-Konstellation entstanden, welche alle wirklichen Gegensätze und Interessen verdeckt. Sie verdeckt vor allem die wahre Tatsache, daß um den russischen Kultur-Keim zwischen den anglo-amerikanischen «Pluto-Autokraten» und dem mitteleuropäischen Volke gekämpft wird. In dem Augenblick, in dem von Mittel-Europa diese Tatsache der Welt enthüllt wird, wird eine unwahre Konstellation durch eine wahre ersetzt. Der Krieg wird deshalb so lange in irgendeiner Form dauern, bis Deutschtum und Slawentum sich zu dem gemeinsamen Ziele der Menschen-Befreiung vom Joche des Westens zusammengefunden haben.»

Daß Rudolf Steiner damit eine zentrale Tatsache des politischen Lebens Deutschlands aufgedeckt hat, steht denjenigen, welche etwas Wesentliches gelernt haben, klar vor Augen. Für diejenigen, welche die Beweise dafür unter die Nase gerieben wünschen, sei an die Äußerung eines Leaders jener „Menschengruppe des Westens“ erinnert. Der Chef der „Schatten-CIA“ (wie das Wallstreetblatt Barron’s (seit 1921) die Einrichtung STRATFOR - STRATegic FORecast - genannt hat) äußerte am 4. Febr. 2015 auf „The Chicago Council of Global Affairs“:

Das Hauptinteresse der US-Außenpolitik während des letzten Jahrhunderts, im ersten und zweiten Weltkrieg und im kalten Krieg, waren die Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland. Denn, wenn sich diese Länder vereinen, stellen sie die einzige Macht dar, die Amerika bedrohen kann. Unser Hauptinteresse besteht somit darin, sicherzustellen, daß dieser Fall nicht eintritt.

- Und fügt seine („geschichtswissenschaftliche“) Prophezeiung hinzu, daß es in Europa wieder zu Krieg kommen wird, den zu verhindern Jebsens großes Anliegen darstellt.

Europa wird, wie ich vermute, zwar nicht zu den großen Kriegen, aber doch zum menschlichen Normalfall zurückkehren. Es wird seine Kriege haben und dann wieder seine Friedenszeiten.

(Und für erstere wird das einzige Imperium, wie er die USA nennt, schon sorgen. George Friedman, so heißt jene Blüte der Intelligenz, weist auf die Konflikte in Jugoslawien hin und auf die gegenwärtigen in der Ukraine, die beide ohne UNO-Mandat von der US-Administration angefacht wurden.) Ich gebe mal den Link zu dieser von menschenverachtenden Zynismen überschäumenden Analyse imperialer Besessenheit:

https://www.youtube.com/watch?v=93evBMAVmNA

In seinem voranstehenden Leserbrief empfiehlt mir Henning Kullak die Lektüre der von Johannes Moosmann zusammengestellten Äußerungen Rudolf Steiners, die ihn zur Einsicht in die Notwendigkeit

eines vernünftigen Gesellschafts- und Wirtschaftskundeunterrichts

an Waldorfschulen geführt haben. Moosmanns Schrift ist von mir gleich nach ihrem Erscheinen gelesen und auf der Webpage von www.das-seminar.ch zum Studium empfohlen worden.

Übrigens meint Moosmann zu dem von Kullak in seinem Leserbrief favorisierten Finanzierungsmodell der Zeitschrift „Erziehungskunst“:

«Die Redaktion von www.dreigliederung.de teilt die Auffassung von Stefan Böhme, wonach eine über das Schulgeld automatisierte Finanzierung eines Redaktionsstabs eine systematische Verhinderung der Freiheit darstellt und in einem krassen Widerspruch zu den von Rudolf Steiner im Zusammenhang mit der Gründung der freien Waldorfschule entwickelten Idee eines freien Geisteslebens steht.» (Johannes Moosmann in http://www.dreigliederung.de/essays 2011-12-003.html)

Was war noch? - Ach ja, Kullak gab mir den Rat, nicht zu lamentieren, sondern mich aufzuklären. Und

Aufklärung wäre, daß man die Instrumente kennenlernt, mittels derer man heute etwas tun kann. Dazu können die Grundbegriffe der Dreigliederung einen brauchbaren Rahmen abgeben, aber auch die bedürfen einer genauen Kenntnis der parlamentarischen, außerparlamentarischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ordnungsprinzipien unserer Gesellschaften.

- Auch hierbei sei Kullak unbesorgt. Wer selbst im Gründungskollegium einer Waldorfschule jahrelang mitgewirkt hat und überdies über zwei Jahrzehnte Lehrerfahrung an Staatsschulen verfügt, hat einiges über die Ordnungsprinzipien unserer Gesellschaften in Erfahrung bringen können.

Der vorliegende Problemfall wäre aufgrund des menschlichen Grundpotentials einfach zu lösen. Wenn sich der Bund der Waldorfschulen für das soziale Leben mehr als für den Erhalt ihrer Pfründe einsetzen würde, dann sollten sie diejenigen Lehrer und Schüler unterstützen, die mit so einem mutigen Menschen wie Jebsen (ich übernehme die von Grauberger zu Recht herausgestrichene Tugend) in Austausch treten wollen. Damit sich jeder der Erlauchten prüfe, ob er Jebsen etwa dabei helfen kann, sich die offensichtlichen Ergänzungsnotwendigkeiten, die für jeden Menschen bestehen, bewußt machen zu können. Dazu ist nur etwas konkrete Liebe und natürlich grundsätzliches Interesse für alle Erscheinungen des Menschengeschlechts notwendig.

Also kommen wir nochmals auf die Tugenden zu sprechen. Der Philosoph Plato unterschied bekanntlich Gerechtigkeit, Besonnenheit, Mut und Weisheit. Für Mut und Gerechtigkeitsempfinden gebe ich Jebsen eine sehr gute Note, bei Besonnenheit und Weisheit gibt’s einen kleinen Abzug. (Ganser würde von mir eine höhere Note in „Besonnenheit und eine niedrigere in Mut erhalten. Ganz gefühlsmäßig.)

Versteht man, was ich meine? - Diejenigen, die den wirklichen Geist des freien Geisteslebens vertreten wollen, werden sich überall bemühen, die Ausdrucksformen der Menschlichkeit im andern zu erkennen und das zu Ergänzende zu fördern. Wenn nicht, werden wir immer nur den Verschwörungsforscher Steiner (man kann auch Okkultist sagen) im nachhinein bestätigen müssen.

Wie war das mit der Infiltration der Waldorfschulen mit Nazi-Gedankentum in den 30-er Jahren? Waren das alles Unmenschen, die ihre jüdischen Kollegen stillschweigend haben verschwinden sehen? Sicherlich nicht. Doch haben sie sich nie in die Lage gebracht, ihre wirklichen Prioritäten auf die geistige Waagschale legen zu müssen. Jebsen hat es in seinem Überlinger Vortrag so ausgedrückt:

Hättest du Sophie Scholl unterstützt oder wärst du Hitlers Sekretärin geworden?

- Wem der Vergleich völlig abwegig erscheint, der möge bedenken, daß er nicht inhaltlich, sondern tendenziell gemeint ist. Es ist einfach eine Denkunmöglichkeit, einen von einer „Schülermitverwaltung“ eingeladenen Gast im Vorfeld der Begegnung als Demagogen, das heißt als Verführer (und wenn auch bloß im Zuschnitt eines Rattenfängers von Hameln) zu verunglimpfen, der überdies in allem, was er sagt und tut, zum Ausdruck bringt, daß er hilflos ist, allein etwas zu unternehmen. Was auch die Göppinger Kreisnachrichten durch eine junge Frau feststellen ließ, die etwas ungeschickt ausgedrückt meinte:

 Das Gruselige an dem Typ ist, daß er nicht damit herausrückt, was er eigentlich will.

- Die Dame wollte verführt werden, nachdem man ihr schon gesagt hat, daß „der Typ“ ein Verführer wäre, und dann - man stelle sich vor - kommt sie nicht drauf, zu was.

Herr Kullak hat in seiner Rundmail an alle Waldorfschulen Deutschlands vom 10. Juli 2015 geschrieben:

Wir möchten Sie daher nachdrücklich bitten, unsere pädagogische und gesellschaftliche Verantwortung nicht im Namen eines vermeintlichen freien Geisteslebens zu konterkarieren, das mit der eigentlichen Bedeutung dieses Begriffes gar nichts, mit Demagogie aber sehr viel zu tun hat.

- Gewiß ist es kein Judenstern, der da Ken Jebsen auf die mentale Stirn gemalt wird, doch mit dem unwirklich Ausgrenzenden, das in jener Beurteilung steckt, ist das „freie Geistesleben“ bereits empfindlich konterkariert worden. Denn jene verschwörerische Vorverurteilung unterdrückt die individuelle Erkenntnis (ohne Begegnung mit der Wahrnehmung keine Erkenntnis, das hat auch jeder pädagogisch und gesellschaftliche Verantwortung Tragende schon irgendwo mal gelesen).

Zum Schluß eine Hilfestellung für denjenigen, der sich ein dickes Sitzleder in langen Konferenzen und die damit verbundene Berufsqualität meditativer oder immerhin Präsenz bestätigender Geduldsproben anerzogen hat, und deshalb das vom Ex-Waldorfschüler Jebsen Vorgebrachte auf seine charakterologische Anlage zu ungestüm auftrifft. Ihm sei etwas Wirtschafts- und Gesellschaftskunde vom 86-jährigen Noam Chomsky, dem vermutlich bekanntesten amerikanischen Intellektuellen und Professor des MIT zur gedanklichen Aufnahme empfohlen. Er spricht langsam und ganz leise. Hier:

http://www.euronews.com/2015/04/17/chomsky-says-us-is-world-s-biggest-terrorist/

***

Mit freundlicher Begrüßung,
Reto Andrea Savoldelli

Samstag, August 01, 2015

Freiheitsphilosophie in der Waldorfschule

DE_G_Goethe_Versklavung

♦♦♦

Reto Andrea
Autor:
Reto Andrea Savoldelli

♦♦♦

Die Herstellung der Monatszeitschrift für Waldorfpädagogik „Erziehungskunst“ wird weitgehend von den Waldorfschulen finanziert. Dies aufgrund eines Beschlusses einer Mitgliederversammlung der Waldorfschulen vom März 2009. Die Zeitungen werden an die Schulsekretariate gesandt und die Schule gibt an jedes Elternhaus ein Exemplar weiter.

Nun gab es 2011 einen Fall, wo die Lehrerschaft die Zeitschrift nicht mehr automatisch mit der Schulpost verteilte, weil sie mit etlichen Artikeln der Zeitschrift grundsätzlich nicht einverstanden war. Was dann zu einer Klage einer Mutter beim Vorstand des Bundes der deutschen Waldorfschulen führte, auf die Vorstandsmitglied und Pressesprecher Henning Kullak-Ublik in dem Artikel in der „Erziehungskunst“ (Juli 2011) „Ich lese was, was Du nicht siehst“ einging. Selbstverständlich waren die Lehrer mit ihrer Willkür, die ungefragte Auslieferung der „Schulzeitung“ zu verhindern, im Unrecht, gleichgültig, ob und wie sie dies damals den Eltern mitgeteilt haben.

Darauf erschien Ende 2011 ein Beitrag von Stephan Böhme auf der Website des Berliner Instituts für soziale Dreigliederung, der die grundsätzliche Forderung Rudolf Steines nach Unabhängigkeit der Schulen von den staatlichen Behörden in Erinnerung rief und sie mit dem „Zeitungsvorfall“ in Beziehung brachte. (Siehe http:// www.dreigliederung.de/essays/2011-12-003.html)  

Er schrieb:

…. Aus dem Ganzen wird auch klar, warum in der «Erziehungskunst» kaum Themen bearbeitet werden, welche die gesunden Bedingungen freien Bildungswesens verständlich machen. Eines in die Gesellschaft (und nicht in den Staat) eingebetteten und von freien Menschen getragenen Geisteslebens. Statt den bestehenden Mißstand über die Jahre zumindest klar zu kennzeichnen und den übergriffigen politischen Instanzen mutig öffentlich den Krieg zu erklären, hat man sich um des lieben Geldes willen schon vor langem entschlossen, den Weg der pragmatischen Anpassung zu beschreiten und glaubt nun, mit dem Erlangen der Bachelor- und Masterwürden für immer mehr Waldorflehrer Siege feiern zu können. Deshalb wird zumeist übersehen, daß die Zentralisierung, d.h. auch die staatliche Überregulierung unseres Bildungswesens, zur Folge hat, daß an den Schulen kaum mehr Zeit, Kraft und Wille für geistige Arbeit in den Konferenzen verbleibt und stattdessen allzuoft «Programm» erfüllt werden muß, welches die Lehrer immer mehr in Bürokratie und Organisatorischem zu ersticken droht. Sonst könnte von Lehrer-, aber auch Elternseite aus vielleicht viel mehr in geistvolle, anregende, belebende Texte für Schulzeitungen verschiedenster Art fließen. In die durch diese leidlichen Umstände entstandene geistige Lücke stößt eine derart finanzierte «Erziehungskunst», die immer mehr zum Zentralorgan gerinnt. Wieviel bunter wäre es, wenn stattdessen um die einzelnen Schulen im engen Kontakt der Menschen untereinander ein reicher geistiger Austausch entstünde…

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Nun hat sich vor kurzem der genannte Pressebeauftragte des Bundes deutscher Waldorfschulen in einem Brief an alle Schulleitungen gewandt, in dem er sie bittet, vermehrt ein Auge auf ihre Schüler zu werfen, weil diese sich zunehmend von Verschwörungstheoretikern ihr politisches Wissen erwerben würden, also nicht durch den Spiegel, die Süddeutsche, die Mitteilungen der Adenauer-Stiftung oder die Wochenschrift „Das Goetheanum“.

Er äußert sich besorgt um die geistige Freiheit "uns anvertrauter Individualitäten", deren Schicksal es ist, wie es im Jargon heißt, sich in den schweren Zeiten ahrimanischer Hochblüte inkarniert zu haben. Deshalb sollten wir sie vor unüberlegten Initiativen warnen, besonders, wenn man bedenkt, daß ihr ewiges ICH ja erst mit 21 Jahren selbstverantwortlich in die Hüllen einzugreifen in der Lage ist. - Man kann und muß es auch anders sehen können. Wenn ohne rückhaltlose Gedankenfreiheit (die einer fremden Anschauung einzuräumen Rudolf Steiner von denjenigen forderte, die an wirklichem Frieden interessiert sind), jede Kultur in Barbarei versinken muß, wie muß man denn den Versuch beurteilen, der Initiativen von jungen Menschen behindern will (durch Verbot der Raumbenutzung von Waldorfschulen), die einen viel entwickelteren Einblick in die wirkliche Politik zu besitzen scheinen, als sie der besorgte Herr "Systemfreund" von oben zu unterstützen wünscht?

Und woher kommt die Besorgtheit um die Jugend? Könnte es nicht sein, daß das Sprichwort „Niemand beißt die Hand, die ihn füttert“ sehr wohl auf diesen Fall anwendbar wäre? Daß man instinktiv zu verhindern sucht, daß sich die politische Aufklärung der „eigenen“ Zöglinge dahin gehend auswirken könnte, daß sie zur Destabiliserung der gegenwärtigen Regierung beitragen könnte? So wie dies etwa Ken Jebsen, selbst ehemaliger Waldorfschüler, erfolgreich im Netz anstrebt? Für dessen Vortrag die Aula zu benutzen, wozu ihn die Elternvertretung einer Waldorfschule eingeladen hatte, hat die Schulleitung ausdrücklich abgelehnt. Der hörenswerte, in einen anderen Saal Überlingens verlegte Vortrag, ist hier zu sehen:

https://www.youtube.com/watch?v=egDCBMpPUqc 

Vor Ken Jebsen, eigentlich einem der wenigen Vorzeige-Waldorfschüler, warnt Henning Kullak-Ublik ausdrücklich. Denn so wie sich die Freiheit durch Ken Jebsen äußert, war Henning Kullaks „Erziehung zur Freiheit“ offensichtlich nicht gemeint. Doch warnt er in dem genannten Brief auch vor dem Nichtwaldorfschüler Kilez More:

".... Kürzlich wurde auch der österreichische Rapper Kilez More, der sich selbst als „Systemfeind“ bezeichnet und wie Ken Jebsen Verschwörungstheorien verbreitet, von einer Schülergruppe eingeladen...." (H.Kullak in seinem Schreiben) Hier das Video des gefürchteten Verschwörungstheoretikers „Leben und Tod des Imperialismus“: https://www.youtube.com/watch?v=M7IjJiZUutk  

Die Waldorfpädagogik trägt, insofern man ihre Wurzeln in den Anschauungen Rudolf Steiners verfolgt, gewiß das größte revolutionäre Potential aller alternativen, pädagogischen Praktiken in sich. Diesem zur Entwicklung zu verhelfen, verbindet sich für einen beamteten Funktionär einer solchen Freiheitsbewegung von dem Punkt an mit Schwierigkeiten, wo die Grundlage seiner Macht, für die Freiheit einzutreten - nämlich die autoritative Fürsorge des Staates - kritisiert wird.

DE_QE_geistelnder_Schwachsinn

♦♦♦

(obiges Vondorten-Zitat wurde ausgewählt und eingefügt von
Raymond Zoller)

Doppelnas

Dienstag, Juli 07, 2015

Balkan-Maidan: Vorbereitung eines weiteren Krisenherdes

 Montenegro_07

Orthodoxe Kirche in Bar (Montenegro)

♦♦♦

Raymond

Beitrag von
Raynond Zoller

♦♦♦

Nachfolgender Artikel erschien am 5. Juni dieses Jahres in Russisch auf der Seite des Koordinationsrats der russischen Diaspora in Montenegro.

Da das darin Angesprochene mir von allgemeiner Wichtigkeit schien, übersetzte ich ihn etwas später ins Deutsche und gab die Übersetzung weiter an Leute, die das interessieren könnte.

Nun sei es denn auch im Blog veröffentlicht.

Das russische Original findet man hier.

Und das bequem ausdruckbare PDF mit der deutschen Übersetzung und dem angefügten russischen Original kann man über dieses Link herunterladen.

Zur Illustration und zur Auflockerung sind einige in Montenegro geknipste Fotos aus meinen Vorräten eingefügt.

Doppelnas

Balkan-Maidan: ein Versuchsballon in Mazedonien

Мечеть - Mosque Auch die auf dem Balkan gesprochenen slawischen Sprachen kennen das Wort "Maidan". Bloß bedeutet das hier nicht Marktplatz, sondern Bergwerk. In ein solches ausgedientes Bergwerk soll nun die unter großen Opfern und Verlusten errungene ruhige und friedliche Existenz der Balkanvölker hineingeworfen werden. Sämtliche Nachrichtenagenturen wurden durch eine Welle von Mittelungen erfaßt: Proteste in Mazedonien. Zelte, Busse, Gebäck, Massen reißerischer Mitteilungen in den sozialen Netzwerken; kurzum: ein bekanntes standardmäßiges Szenario. Zusätzlich noch Druck auf die Regierung durch die albanische Diaspora nach Art des Kosovo. Die Analytiker waren sich einig: hier wurde ganz offen ein Maidan organisiert in einem Land, welches die besten Chancen hätte, seine wirtschaftliche Lage durch den Bau der "Türkei-Gasleitung"[1] zu verbessern. Durch Maidan und Umsturz ist ein solches Projekt nicht mehr realisierbar und verliert seinen Sinn.

 

Das Montenegro-Gambit

clip_image002Während des Kriegs, der zum Zerfall Jugoslawiens führte, galt Montenegro als die friedlichste Republik der einstigen Föderation. Eben hier heilte man seine Wunden, und später investierten eben hier die Teilnehmer der Scharmützel ihre Ersparnisse. Nach Erlangung der Unabhängigkeit im Jahre 2006 flossen in diese Republik dank russischer Investitionen in Immobilien und Industrie und dank stürmischer Nachfrage nach Immobilien unerhörte Reichtümer: im Laufe von 5 – 6 Jahren um die zehn Milliarden Euro bei einer Bevölkerungszahl von 650.000. Beträchtliche Einnahmen brachte auch der Tourismus; und zwar kamen die Touristen zur Hauptsache aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Begünstigt wurde dies durch ein aktives in jahrhundertealter Tradition begründetes freundschaftliches Verhältnis der montenegrinischen Bevölkerung zu Rußland und den Russen.

Unter dem Druck von Außerhalb hat Montenegro sich nun trotzdem den Sanktionen gegen Rußland angeschlossen. Der Zufluß an Investitionen wird katastrophal schwächer; und Touristen gibt es nun sehr wenig. Allerdings blieben mehrere hunderttausend "Sommerfrischler", das heißt Russen mit Zweitwohnung in Montenegro. Keine übermäßig große Einnahmen, aber immerhin ein gewisser Zufluß ins Budget und Umsatz im Bereich der Dienstleistungen.

Es gibt auch Leute aus Rußland mit festem Wohnsitz in Montenegro. Darunter nicht wenig Fachleute aus Bereichen wie Handel, Entwicklung, Touristik, Infrastruktur. Man findet da Ärzte, Lehrer, Ingenieure, Übersetzer, Künstler, Musiker, Literaten. Dieser Teil der russischen Diaspora unterstützte und unterstützt in ihrer überwiegenden Mehrheit sowohl die russische Politik als auch die Vertiefung der freundschaftlichen Beziehung zwischen montenegrinischer und russischer Bevölkerung.

 

Ein trojanisches Pferd: die russischen Computerhocker[2] in den sozialen Netzwerken

Interessanter ist in diesem Zusammenhang eine andere Sorte von Zeitgenossen, die mit russischen und sonstigen Pässen in Montenegro leben. Gemeint sind Leute, die in Montenegro leben, aber in sonstwo basierte Projekte involviert sind. Solche Projekte haben ihre Standorte teils in den USA, in England, Dänemark Deutschland. Nun gut, die recht angenehmen Lebensbedingungen, billiges Wohnen, qualitätsvolle Nahrungsmittel, die gute Beziehung der Montenegriner zu den Russen, keine Sprachprobleme bei der elementaren Alltagskommunikation – all dies kann durchaus anziehend sein für solche Leute und Fachleute. Aber aus der Nähe betrachtet ist das alles etwas komplizierter.

Ein Beispiel:

Ju. S., mit ständigem Wohnsitz in Montenegro […][3] Er ist in Montenegro als Blogger sehr aktiv. Als Blogger schimpft er aktiv über die russische Politik, und über von ihm selbst in sozialen Netzwerken geschaffene Gruppen propagiert er aktiv seine Ansichten unter den russischsprachigen Bewohnern Montenegros. […]

Solche Leute wie Ju. S. gibt es nicht wenige in Montenegro. Manche organisierten vorerst mal wenig beachtete Aktionen zur Unterstützung des russischen Oppositionellen Nawalny, und sonstige kleinere Vorstöße. Allerdings haben sie offensichtlich sehr viel weiter gefaßte Pläne.

Iwan Dembizki […] gründete in einem sozialen Netzwerk eine Gruppe, die laut formuliertem Anliegen dem Austausch nützlicher Information dienen soll. Tatsächlich aber veröffentlicht der sich als apolitisch bezeichnende Iwan Dembizki in seiner Gruppe Fotos mit Aufschriften, mit denen er den russischen Präsidenten beleidigt, und organisiert heiße Diskussionen über solche Beleidigungen. Gemeinsam mit Moderatoren der Art eines Ju.S. publiziert er in der Gruppe provozierende politische Plakate, über deren Herkunft wir weiter unten berichten werden. Eine der Aktionen von Iwan Dembizki bestand in einer großangelegten Unterstützung der Tätigkeit seines Chefs und Mitstreiters Artemij Lebedev. Lebedev, der sich in Montenegro niedergelassen hat, machte sich am Vorabend der 70-Jahrfeier des Siegs über den Faschismus lautstark über seinen Blog bemerkbar. Und zwar meinte er, es wäre doch nicht schlimm gewesen, wenn die Deutschen aus jenem Krieg als Sieger hervorgegangen wären. Daß sie die Absicht hatten, die Menschen auf dem Gebiet der UdSSR umzubringen, ist laut Lebedew nicht bewiesen.

[…]

Anschließend ließ Iwan Dembizki noch eine weitere spektakuläre Aktion vom Stapel. Und zwar beschuldigte er lautstark die Aktivisten und Mitglieder der russischen Diaspora-Organisationen, sie würden aufgrund politischer Motive Menschen verfolgen. Eine solche Erklärung wurde massenhaft an über 20 Stellen veröffentlicht. Eine völlig absurde Behauptung […]. Manche glaubten es; manche glaubten es nicht, aber verbreiteten es trotzdem weiter. […] Auf Bitten, seine Behauptung durch Fakten zu belegen, antwortete Iwan Dembizki mit Schweigen oder mit Erklärungen, er sei nicht Bürger Rußlands, sondern Weltbürger. Oder mit Fotos, wo er bei Saufgelagen am Strand sich in eine ukrainische Flagge hüllt. Im Weiteren werden wir darlegen, womit eine solche Kampagne zusammenhängt und daß es sich hier keineswegs bloß um einen Skandal unter sich langweilenden russischen Emigranten handelt.

Diese Politik genießt auch eine kraftvolle Medienunterstützung. Da gibt es eine früher in Montenegro kaum bekannte Person, ein gewisser Alexei Boshin. Dieser Alexei Boshin schuf vor ein paar Jahren eine Internetseite, die er als Informationsseite ausgab. Eine Seite war das, die sich durch nichts sonderlich hervortat; solche Informationsseiten zu montenegrinischen Themen gibt es Dutzende. Zu Anfang war das also nichts Besonderes. Doch plötzlich wurde alles ganz anders. Skandalöse Interviews wurden veröffentlicht mit bislang gleichfalls unbekannten Leuten. Zum Beispiel mit Igor Nefedov, der unter dem Pseudonym 'Diver' einen Blog führte. In Montenegro wurde er dadurch berühmt, daß er in die Arabischen Emirate fuhr und versprach, öffentlich seinen russischen Paß zu verbrennen. Vorher hatte Nefedov auf Facebook eine Gruppe gegründet, in welcher, wie er vorschlug, die Russen sich "frei" gegenseitig Verfehlungen vorwerfen sollen, ohne daß sie sich dabei die Mühe machen zu müssen, die erhobenen Vorwürfe zu belegen. Je schmutziger die Wäsche, desto besser. Wegen übler Nachrede und Mobbing wurde diese Gruppe von der Facebook-Administration geschlossen. Auf anderen Seiten von ihm in den sozialen Netzwerken gibt es eine Menge Beiträge von einem gewissen Stomachin, der mehrfach wegen Aufstachelung zu nationaler Zwietracht vorbestraft ist und zum Genozid aufrief; genauer: zum Ermorden von Russen. Für Nefedov sind seine einstigen Landsleute Vieh. Und solches 'Vieh' ist, wie er sagt, nicht fähig zu konstruktiver Tätigkeit; man soll ihm den Menschheitsstatus aberkennen und es vernichten. – Eben diese Terminologie machte sich durch das Interview mit Nefedov dann auf der Seite von Alexei Boshin breit. Unter dem Druck der Öffentlichkeit entfernte Boshin die Zitate aus den "Gedichten" Stomachins von seiner Seite; doch die sonstige Rhetorik blieb bestehen und verbreitet sich weiter in den sozialen Gruppen von Leuten solcher Geistesart.

Boshins Frau und Gesinnungsgenossin Violetta Makejeva beschloß, ihre eigene Internetseite hochzubringen und meldete sie zu diesem Zweck bei einem russischen(!) Wettbewerb an. Anschließend wandte sie sich offen an Verwandte, Freunde und Gesinnungsgenossen: sie sollen, bitteschön, für genügend Stimmen sorgen. Was auch geschah; allerdings ohne den gewünschten Erfolg zu bringen: die prorussischen Aktivisten konnten rechtzeitig die Organisatoren des Wettbewerbs über dieses kleinkariert gemeine trojanische Pferd informieren. Offensichtlich sucht die rußlandfeindliche Propaganda überall nach Ritzen, um nach Rußland durchzudringen.

 

Die Puppenspieler. Antirussische Politik mit russischer Finanzierung.

Die Sache mit dieser skandalösen Seite ist nicht das einzige dieser Art, das es aus Montenegro zu berichten gibt. Im "Splendid", einem hochvornehmen Fünfsternehotel an den Ufern der Adria, in dessen Bau die Familie Baturins investiert hat, werden regelmäßig Nominierungen und Preisverleihungen abgehalten. Unter den hier geehrten Preisträgern findet man auch die Internetseite von Boshin und die sozialen Gruppen von Iwan Dembizki Die Preise verlieh eine aus Vater und Sohn – Andrei und Alexander Chrgianov – bestehende private Stiftung. Diese Moskauer Unternehmer hatten beschlossen, sich in Montenegro durch gesellschaftliche Aktivität hervorzutun; zu welchem Zweck sie jene Stiftung gründeten und rege Aktivitäten im Hotel "Splendid" entfalteten: gesellige Treffen, Veranstaltungen für Kinder. Sie erzählten ihren Landsleuten, daß sie einen speziellen Checkkartendienst für sie organisieren werden und auch eine besondere Mobilfunk-Gruppe, und eine Dienstleistungsgruppe "Russian friendly"; dann noch Rechtshilfe, und auch um das Investitionsklima und die Immigrationsgesetzgebung wollten sie sich kümmern.

Doch das waren alles bloß Seifenblasen und leere Worte. Nun, nicht nur: die Kinderveranstaltungen und ein Quiz wurden tatsächlich durchgeführt. Für diese eher bescheidenen Festlichkeiten bekamen sie große Summen von einer Organisation zur Unterstützung der russischen Landsmannschaft, der "Ross-sotrudnitchestvo". Bei der Firma, welche im Auftrag der Stiftung die Durchführung der Festlichkeiten betrieb, war die Andrei und Alexander Chrgianov gehörende "Jadran Group". Zu einem großen Teil gab es für die Festlichkeiten auch Spenden von Unternehmern, drunter auch russischen. Die Finanzierung durch die "Ross-sotrudnitchesvo" hielt die Stiftung geheim. Später schlug die Stiftung ungeniert den Russen vor, sie durch finanzielle Zuwendungen und Dienstleistungen zu unterstützen. […]

Unterdessen erzählten Vater und Sohn Chrgian "im Vertrauen", daß sie von einem Beamten eine "beträchtliche Investition" erhalten haben. Wobei… der Name eines Beauftragten des russischen Präsidenten genannt wurde. Bloß fehlt ihnen noch ein klein wenig. "Wer will kann beim Aufstocken helfen; die Sache ist gut abgesichert." Wie sich dann herausstellte war das einfach bloß eine Pyramide: die Familie investierte das Geld in ihre Wohnungen. Und das Projekt kam nicht von der Stelle.

Natürlich mußte wenigstens der Schein von gemeinnütziger Tätigkeit geschaffen werden; und so bietet denn die Stiftung als offizielle Diskussionsplattform – die Gruppe von Iwan Dembizki. Jene Gruppe, die angeblich nur für den Austausch von Information geschaffen wurde. Doch für das Propagieren der Ideologie der Stiftung kann man offensichtlich solche Deklaration ignorieren und dafür die Verbreitung der Dembzki'schen Veröffentlichungen fördern. Und Gehirnwäsche treiben. Das heißt Hineinlocken nichtsahnender russischer Bürger in geschickte ideologische Bearbeitung. Und all dies gegen Rußland.

Als Andrei Nesterenko, der russische Botschafter, hiervon erfuhr, trat er eiligst zurück von seinem Posten als Aufsichtsratsvorsitzender der Stiftung. Immerhin eine unmittelbare Diskreditierung der russischen Vertretung in Montenegro. Da man es geschafft hatte, sogar den Botschafter hereinzulegen und ihm weiszumachen, daß die Stiftung nicht private, sondern öffentliche Interessen verfolgen wird, kam es zu einem handfesten Skandal. Mit bitterem Spott bezeichnen die Russen in Montenegro bis zum heutigen Tag die Chrgianov-Stiftung als "Monetisierungspunkt". Die Bezeichnung hat sich eingebürgert, aber ein Beigeschmack von Betrug blieb erhalten.

Man möchte glauben, daß man hier den Angelpunkt hat für alle antirussischen Intrigen in Montenegro. Eine private Stiftung, die für alles mögliche und unmögliche Geld kassiert. Doch dem ist nicht so. Nicht um Montenegro geht es den Puppenspielern dieser Aufführung. Ihre Pläne sind weiter gefächert.

Der für sein seelisches Ungleichgewicht und sein Machtstreben bekannte und sogar in seiner Familie für seine Streitsucht gefürchtete Alexander Chrgian kündigte Anfang 2015 lautstark an, daß er die Absicht hat, seine Tätigkeit auf Serbien und weiter auf den gesamten Balkan auszudehnen. Der Grund für diesen Rummel kam recht schnell ans Tageslicht.

 

Die IGIL auf dem Vormarsch

Jetzt noch von einer andern Seite:

Hodscha Kalamperowitch, der Vorsitzende einer montenegrinischen muslimischen Gemeinde, berichtet, daß ihre Gemeinde permanent unter Druck gesetzt wird durch aus dem Ausland kommende Missionare. Muslime gibt es viele auf dem Balkan; das sind alles Nachkommen von seinerzeit turkisierten ursprünglich orthodoxen Slawen. Ihre Vorfahren unterwarfen sich der Macht der Osmanen; doch nicht selten kämpften sie gemeinsam mit den Christen gegen die Türken. Später, nach der Vertreibung der Türken durch die Russen, wahrten die Muslime Loyalität gegenüber der Macht ihrer Fürstentümer und Königreiche. Manche kehrten zurück zum Christentum, doch viele blieben beim Mohammedanismus. Nach Beendigung der Kriege beim Zerfall Jugoslawiens lösten sämtliche radikale muslimische Vereinigungen sich auf. Und nun beginnt plötzlich wieder Agitation und Radikalisierung. Warum eigentlich? Ist auf diesem ressourcenarmen Balkan die Neuaufteilung des Einflusses denn so wichtig? Wozu und für wen soll radikalisiert werden, sollen Krisenherde geschaffen werden? Die Muslime in Montenegro, Serbien, Mazedonien sind nicht interessiert an Konflikten und Umverteilung des Einflusses. Sie sind in der Minderzahl, und sie brauchen Frieden.

Doch die Arbeit an der Radikalisierung hat begonnen. Im Weiteren wird deutlich, wozu. Die Diversifizierung der Methoden in der großen Politik ist nach wie vor im Gebrauch.

Und ein weiterer Beweis: Die Aufmerksamkeit für den Balkan seitens aller Mächte ist groß.

 

Mimikry. Das Schwein in den Apfelsinen

Über die öffentlichen Ersatzbewegungen "à la russe" haben wir schon berichtet. Wie sich zeigte, kann sogar die Kultur als Tarnung dienen für ein aggressives ideologisches Ziel.

Im Jahre 2014 zog der russische Galerist Marat Gelman nach Montenegro, um dort seinen festen Wohnsitz aufzuschlagen. Dieser aus Kischinau (Moldawien) stammende Funktionär war bereits Aushängeschild der politischen Partei "Einiges Rußland"[4], stellvertretender Generaldirektor des russischen Fernsehsenders ORT, und Direktor des Permer Museums. Laut Urteil von Kollegen ist das ein Mensch, der dazu neigt, sich mit Hilfe von Skandalen ans Licht der Öffentlichkeit zu drängen; in Sachen Kunst völliger Laie, aber sehr geschickt in Finanzangelegenheiten.

Doch zeigte sich im Weiteren, daß er auch in Sachen Kunst keineswegs ein profaner Laie ist. Für die Kunst ist er ein Markenzeichen. Gelman bot sich an als Symbol für die Werbekampagne eines Elite-Wohnkomplexes. Begonnen wurden die Bauarbeiten an diesem Komplex durch die Firma "Mirax Group", die dem russischen Unternehmer Sergei Polonski[5] gehört. Später wurde Polonski zurückgedrängt, und er geht nun gerichtlich vor. Der Wohnkomplex nennt sich heute Dukley Gardens. Und das Gelmansche Projekt entsprechend Dukley European Art Community.

Gelman kam nach Montenegro und heuerte als Chefkunstexpertin Ekaterina Chrgian an. Die Mutter also von Alexander und die Frau von Andrei, den Besitzern der Stiftung. In Montenegro sehr bekannt und von extravagantem Geschmack.

Gelman schlug allerdings ein weitaus umfassenderes Programm vor als eine einfache Art-Community. Nur ganz zu Anfang begann er Ausstellungen zu organisieren für russische Künstler. Gleich auf der ersten Ausstellung wurde eine Abbildung des Klosters von Zetin im Stile des Primitivismus gezeigt. Von dem Ort also, wo die Hand von Johannes dem Täufer aufbewahrt wird, ein Stück vom Kreuze des Jesus, und die Filermsker Ikone – die größten Heiligtümer der christlichen Welt.

Der Skandal ließ nicht auf sich warten. Für die patriarchalisch gestimmten Montenegriner ist eine solche Profanierung nicht bloß eine gewöhnliche Geschmacklosigkeit. Sondern eine Beleidigung. Man warf unserem Galeristen auch seinen Affen in der Uniform eines sowjetischen Soldaten vor – ein Veteran mit den Orden aus dem zweiten Weltkrieg. Und seine orthodoxe Kirche mit Kuppeln in Form von blauen Klistieren. Und sein "Scheisse-Museum".

Gelman entfesselte einen Skandal. Wie es aussieht – völlig bewußt und gezielt.

 

Das Projekt Bu-gaga

In Anspielung an die von einheimischen Teenagern im Stadtzentrum von Budva an die Wände gesprühten Graffitis nannte Marat Gelman sein soziales Netzwerk "Bu2". Der Sprachwitz unseres Volkes wandelte das um in "Бу-ГГ", transkribiert "Bu-GG", mit GG[6] gemeint Gelman-Scheisse, im Hinblick auf die mit Vorliebe bei seinen Darbietungen verwendeten Objekte.

Kurz nach dem Skandal mit dem Kloster erklärte er, daß er nach Brüssel fährt zu Verhandlungen. Genauer: zu Verhandlungen mit der EU-Kommission für Kultur (!). Nach seiner Rückkehr verkündete er, daß die Verhandlungen erfolgreich waren. Außerdem berichtete er, daß er einen Vertrag abschließen konnte mit der Dänischen Stiftung "In den Vreemde" bezüglich Stipendien. Diese Stipendien sind bestimmt für Kunstschaffende, die durch ein totalitäres Regime in Probleme gestürzt wurden. Welches Regime gemeint ist, ist leicht zu sehen. Für die Zuteilung der Stipendien ist das Gelmansche Art-Projekt zuständig. Ja nun, ein durch und durch apolitisches Art-Projekt, um Montenegro im europäischen Kunstverständnis weiterzubringen, doch daneben auch noch, um gegen den Totalitarismus zu kämpfen.

Wohl unnötig zu erwähnen, daß man im Laufe einer Stunde Hunderte solcher "dänischer Stiftungen" zusammenklauben kann.

Eben von nun an verkündete die private Stiftung der Familie Chrgian, die bis dahin ausdrücklich ihre Unterstützung des Projekts Dukley European Art Community unterstrich, daß sie sich über den ganzen Balkan hin ausdehnen will.

Und unmittelbar darauf schrieb Marat Gelman in seinem Blog, daß er diese Stiftung "mit der Diaspora" finanzieren kann; und zudem nicht schlechter als das russische Außenministerium. Man kann das so verstehen, daß die auf hoher Ebene verhandelnden Seiten sich vollumfänglich geeinigt haben.

Natürlich reiner Zufall, daß genau zu dieser Zeit die englische Botschaft in Montenegro eine Schule für klassisches Ballett eröffnet. Die Eröffnung dieser Schule wird lautstark in der Gruppe von Iwan Dembizki angepriesen. Unter anderem werden dort Kinder aufgenommen von Kreml-Beamten, die ihre Frauen mitsamt Anhang nach Montenegro verschickt haben. Ein Club verstoßener und beleidigter Frauen hochgestellter russischer Beamter im Umfeld der britischen Botschaft ist natürlich das ideale Milieu, um belastendes Material gegen den Kreml zu sammeln.

Am 9 Mai feierten die Russen und die Bürger Montenegros die 70-Jahr-Feier des Siegs über den Faschismus. Die Festlichkeiten waren nicht im geringsten grandios, aber lustig und mit vielen Teilnehmern. Natürlich gab es auch eine feierliche Kranzniederlegung. Vor Beginn der Feierlichkeiten wurden die Denkmäler für die Gefallenen in Ordnung gebracht; es wurde ein Freundschafts-Fußballspiel organisiert mit Teilnahme von Montenegrinern, Serben, Russen, Ukrainern, Armeniern und Georgiern. Und noch so manches andere. […] Alles wurde von privaten Freiwilligen organisiert; mit Unterstützung von Geschäftsleuten, aber niemand sammelte Geld. Jeder beteiligte sich wie er konnte.

[…][7]

Und nur eine einzige grandios angelegte Veranstaltung gab es an diesen Tagen. Und nur hier gab es nicht die geringste Andeutung an die Siegesfeier – weder in der Ausgestaltung noch auf der Bühne. […]

Es handelt sich um das Dukley Music Fest. Offensichtlich waren die Organisatoren bemüht, alle dorthin zu ziehen. Doch außer dem Beau Monde und ein paar Gaffern kam niemand; und letzteren wurde es auf dem modernistischen Ethno-Festival, das nicht das geringste mit dem Anliegen dieser Tage zu tun hatte, schnell langweilig. […] Wer zufällig hier gelandet war, ging bald wieder und suchte Orte auf, wo die "Katjuscha" erklang.

Aber immerhin – man hatte die Tatsache eines zur Siegesfeier alternativen Ethnofestes geschaffen; und eben diese Alternative wurde im Weiteren durch verschiedene Medien energisch vor der Öffentlichkeit ausgebreitet. Später wurden in der Gruppe von Iwan Dembizki die Organisatoren der verschiedenen Siegesfeier-Treffen von russischer Seite lautstark öffentlich diffamiert. Iwan Dembizki höchstpersönlich äußerte sich zu dem Dukley Music Fest mit höchstem Lobe und unterstützte auf alle möglichen Weisen die Tätigkeit von Marat Gelman.

Seitdem sind zahlreiche Medienressourcen unter Gelmanscher Kontrolle.

 

Ein Sturm im Wasserglas? Nein, der Beginn eines Superzyklons

Jemand aus montenegrinischen Regierungskreisen, der nicht genannt werden will, sagt, daß die Republik äußerst interessiert ist an der Wahrung freundschaftlicher und kultureller Kontakte mit Rußland. Und ohne wirtschaftliche Kontakte sieht es eh schlecht aus; von der EU ist kaum Hilfe zu erwarten. Die überwiegende Mehrheit der montenegrinischen Bürger will keinen Bruch mit Rußland. Man möchte normale russische Kultur, Austausch von Kontakten, und alles möglichst intensiv. Doch ist die Republik zu klein, um dem Druck von außen standhalten zu können.

Oxana Frenkel, die Vorsitzende des Koordinationsrats für Organisationen der russischen Landsmannschaft in Montenegro, berichtet, daß auf prorussische Organisationen und Aktivisten zunehmend Druck ausgeübt wird. Und dieser Druck kommt nicht von der Regierung oder den von jeher friedlichen Bürgern. Sondern von allen möglichen Leuten von außerhalb. Es gibt da solche mit allen möglichen Pässen; hauptsächlich aus der Ukraine. Manche kamen völlig mittellos nach Montenegro, sind auch bereit für die kriminelle Laufbahn. Und sind streng antirussisch eingestellt.

Bislang können wir nur Vermutungen anstellen, wann die vorbereiteten ideologischen und informatorischen Waffen zu schießen beginnen. Im Krieg, und darunter auch im ideologischen Krieg, ist man in der Wahl der Waffen nicht wählerisch. Wenn es günstig ist, Lüge und Verleumdung zu säen, nationale und religiöse Feindschaft zu entfesseln – so werden unsere Gegner das auch tun. Und tun es sowieso bereits. Und werden dazu, ganz selbstverständlich, als Kulturtätige auftreten, als Friedensstifter und Wahrheitsapostel. Und welche Bedingungen werden an Rußland gestellt? Werden überhaupt welche gestellt? Oder wird man so oder so losschießen? Krim, DNR, türkische Gasleitung, IGIL – und was noch alles und auf welcher Waagschale? Wir werden sehen. Vermutlich schon bald.

In dieser Situation hat sich das Zentrum des Öffentlichkeitsbereichs der antirussischen Ideologie auf dem Balkan herauskristallisiert als das Umfeld von Marat Gelman. Eine solcherart aktive Gruppierung kann auch Druck ausüben auf die montenegrinische Regierung. Und falls diese nicht hören will, können auch proeuropäisch und antirussisch[8] eingestellte Einheimische sich einmischen. Man braut sich alles so zusammen, wie man es will und wie es bereits durchgeführt wurde in Kiew und nun versucht wird in Mazedonien. Soziale Netzwerke, Propaganda, Unruhen, Aktionen, Maidan. Ein solches Szenario wird möglich, wenn man vollständig die wirtschaftliche Zusammenarbeit zerstört und künstlich Risiko schafft für Investitionen. Endgültig nicht nur Investoren und Fachleute vergraulen, sondern selbst die Sommerfrischler; und die Versuche, eine entsprechende Immigrationsgesetzgebung durchzubringen hören nicht auf. Die Bevölkerung wird in materielles Elend absinken. Das heißt, ein trojanisches Pferd wurde eingebracht. Wann es vollständig geöffnet wird – wissen wir noch nicht. Darüber hinaus stehen unübersehbar in allen benachbarten Balkanländern trojanische Pferde bereit.

Wassilij Dewjatajev


[1] Die gängige deutsche Bezeichnung fällt mir grad nicht ein. In Englisch nennt man es "Turkish Stream"; Näheres in Englisch auf der Seite der Gasprom unter http://www.gazpromexport.ru/en/projects/6/ (d. Üb.)

[2] Russisch "айтишник"; kommt also vom Englischen "Information technology", abgekürzt IT, russisch transkribiert айти. Übersetz es der Einfachheit halber mal mit 'Computerhocker'. d.Üb.

[3] Im Weiteren werden nur die wichtigsten Namen ausgeschrieben. Einzelheiten, die für den deutschsprachigen und mit der montenegrinischen russischen Diaspora nicht vertrauten Leser uninteressant sind, werden weggelassen. D.Üb.

[4] Näheres zu dieser Partei in Deutsch bei Wikipedia unter https://de.wikipedia.org/wiki/Einiges_Russland (ob der Artikel was taugt, weiß ich nicht; hab ihn selbst nicht gelesen; aber für allgemeine Information müßte es reichen) – d.Üb.

[5] Wie weit die nichtrussischsprachige Welt über die Abenteuer des Sergei Polonski informiert ist, weiß ich nicht. Das ist recht schlimm, aber in gewisser Hinsicht auch ausgesprochen lustig. Hier eine Sammlung von Videos; alles in Russisch, aber vermutlich auch ohne Sprachkenntnisse informativ oder zumindest lustig http://www.vesti.ru/theme.html?tid=101514

[6] Говно, gowno bedeutet in Deutsch "Scheisse". Гельман-говно, Gelman-gowno also: Gelman-Scheisse (d.Üb.)

[7] Die Auflistung und Beschreibung der einzelnen Festlichkeiten lass ich weg, da das etwas vom Thema ablenkt und da ich zudem die Sache möglichst bald in deutscher Übersetzung unters Volk bringen möchte (d.Üb)

[8] Im Original steht прорусские (prorussisch); was meinem Verständnis nach keinen Sinn ergibt; vermutlich ein Flüchtigkeitsfehler. Hab es durch "antirussisch" ersetzt (d.Üb.)

Устье Железницы после грозы